Streit um Auflösung des Kammerchors in der Apostelkirche

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Sängerin Ulrike Wiedemann kann die Entscheidung, den Kammerchor der Apostelkirche aufzulösen, nicht nachvollziehen (Foto: S. Remesch)

Sängerin Ulrike Wiedemann kann die Entscheidung, den Kammerchor der Apostelkirche aufzulösen, nicht nachvollziehen (Foto: S. Remesch)

In der Apostelkirche in Eimsbüttel hängt der Haussegen schief. Vor einem halben Jahr wurde eine neue Kirchenmusikerin eingestellt. Ziel war es, den musikalischen Schwerpunkt auf Popularmusik zu legen. Der bestehende Kammerchor sollte in diese Planung integriert werden. Der Versuch ist gescheitert. Nach knapp 30 Jahren sei der Kammerchor der Apostelkirche, die mit der Christuskirche die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Eimsbüttel bildet, vor die Tür gesetzt worden, so ein Chormitglied.

„Unsere Kirchenmusikerin Constanze Kowalski hat es ein halbes Jahr lang mit dem Chor versucht“, sagt Pastor Michael Babiel. Jetzt wurde der Kammerchor aufgelöst, die Sänger dürfen sich nicht mehr nach der Kirche benennen, nicht mehr dort proben oder auftreten, sagt Sängerin Ulrike Wiedemann. „Am vergangenen Donnerstag hat der Kirchenvorstand der Gemeinde Eimsbüttel entschieden, den Kammerchor aufzulösen. Dabei wollten wir uns einem moderneren Ansatz gar nicht verschließen und haben uns auch um konstruktive Diskussionen bemüht.“ Doch beim Vorstand sei man auf taube Ohren gestoßen.

Musikalische Ausrichtung im Fokus

“Ich kann verstehen, dass die Entscheidung für langjährige Chormitglieder kränkend ist”, sagt Pastor Michael Babiel. Die Kirchenmusikerin Constanze Kowalski habe aber mit dem bestehenden Chor versucht, die neue musikalische Ausrichtung umzusetzen. Das sei jedoch nicht gelungen.

Ulrike Wiedemann sieht den Auslöser für die Entscheidung des Kirchenvorstands gerade in der neuen Kirchenmusikerin. Der Kammerchor habe für Kowalski keine Priorität mehr. Neben dem Zeitaufwand sei zudem die Gesangsqualität des Chors als Grund für die Auflösung angeführt worden. “Das hat uns sehr erschüttert”, meint die begeisterte Sängerin. “Wir wollen aber auf jeden Fall weitermachen.“

Chorsänger fehlten bei Proben und Auftritt

Constanze Kowalski kann die Anfeindungen nicht verstehen, sie sei am Anfang sogar sehr beeindruckt gewesen von den Chormitgliedern. „Sie haben alle gesagt, dass sie den Chor wollen, weil ihnen das Singen so wichtig ist. Wir haben mehrere Monate geprobt, aber oft fehlte mehr als die Hälfte der Chormitglieder“, sagt Kowalski.

Zum Eklat sei es am vergangenen Sonntag gekommen. Für die Aufführung der Bach-Kantate „Nun komm, der Heiden Heiland“, für die die Gruppe seit September probte, hätten sich zehn Mitglieder des Kammerchores angemeldet. „Tatsächlich kamen aber nur drei, so dass die übrige Besetzung mit Gastsängern aufgefüllt werden mussten“, unterstreicht die Kirchenmusikerin. „Ich bedauere es sehr, dass der Kammerchor dieses Angebot ausgeschlagen hat.“

Obwohl die Ausrichtung des Kammerchors weniger in das neue Konzept der Gemeinde – mit einem Akzent auf Popularmusik – passe, habe man sich um eine gemeinsame Linie bemüht. So seien die Sänger des Kammerchors auch zur Teilnahme an dem neuen Gospelchor eingeladen worden, der laut Pastor Babiel auch schon nach kurzer Zeit viele neue Mitglieder hatte.

Rauswurf oder Umstrukturierung?

Genau wie die anderen Chormitglieder wolle sie aber mit dem bestehenden Chor weitermachen, bekräftigt Ulrike Wiedemann. „Der Kirchenvorstand hat uns gesagt, dass wir uns gerne nach anderen Räumen der Gemeinde Eimsbüttel umsehen dürfen“, erzählt sie. Nur die Apostelkirche sei für die Sänger fortan tabu. „Eine rüde Vorgehensweise, uns vor vollendete Tatsachen zu stellen“, findet sie. „Dass es sich dabei um eine Kirche handelt, die schließlich vom Engagement ihrer Mitglieder lebt, macht den Rauswurf zu einem echt krassen Schritt.“

Constanze Kowalski empfindet den Schritt überhaupt nicht als Auflösung sondern als Umstrukturierung des Chores. „In dieser Konstellation sah ich mit dem Chor keine Möglichkeit zu erfolgreicher kirchenmusikalischer Arbeit gegeben“, betont sie. Daher habe man entschieden, die Sänger auf bestehende Chöre der Gemeinde aufzuteilen.

Offene Tür an der Christuskirche

Die Umorientierung war laut Constanze Kowalski notwendig, um die Popularmusik – wie Jazz, Rock oder Gospel – fester in der Kirche zu verankern. Der Wechsel in der musikalischen Auslegung sei auch gar nicht so abrupt erfolgt. Klassische Kirchenmusik spiele immer noch eine wichtige Rolle.

„Den Mitgliedern des Kammerchors haben wir immer wieder angeboten, dass sie auch in den Gospelchor eintreten können. Und wer lieber bei der klassischen Kirchenmusik bleiben wollte, für den steht und stand die Tür zur großen Gemeindekantorei in der Christuskirche offen“, so Kowalski. Einige Mitglieder des Kammerchors hätten das Angebot auch angenommen.

Die Sänger des Kammerchors fühlten sich laut Wiedemann allesamt aber sehr eng mit der Apostelkirche verbunden. Einzelne Mitglieder seien seit der Gründung des Chors vor mehr als 30 Jahren dabei. Mit dem Rauswurf aus ihrer Kirche abfinden will sich die Sängerin nicht. Wenn keine andere Lösung gefunden wird, will der jetzt namenlose Kammerchor sich auf die Suche nach einer neuen Chorleitung begeben – wenn nötig auch mit eigenen finanziellen Mitteln. „Dabei müsste ein Nebeneinander in der Apostelkirche ja eigentlich möglich sein“, ärgert sich Ulrike Wiedemann. „Wir stören ja niemanden.“ Ein Wechsel in die große Gemeindekantorei in der Christuskirche kommt für sie nicht in Frage.

Vorstand zeigt sich versöhnlich

Der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes der Gemeinde Eimsbüttel, Jürgen Schmücker, will die Entscheidung über die Auflösung des Kammerchors nicht weiter kommentieren. Er bestätigt allerdings, dass der Kirchenvorstand die Entscheidung der Kirchenmusikerin, den Chor aufzulösen, abgesegnet hat.

Schmücker unterstreicht zudem, dass der Vorstand dem Kammerchor seine Unterstützung bei der musikalischen Neuorientierung zugesichert habe. Außerdem habe man dem Chor auch angeboten, in anderen Räumen der Kirchengemeinde unterzukommen – möglicherweise etwa in der Christuskirche. Er verstehe die Reaktion der Chormitglieder, sagt Pastor Michael Babiel. Es gäbe aber immer ein Morgen und vielleicht käme man ja doch noch zu einer Einigung mit allen Chormitgliedern.

Steve Remesch und Mira Chopra

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8 Kommentare zu Streit um Auflösung des Kammerchors in der Apostelkirche

  1. ulla sagt:

    es ist mir unverständlich, die Gesangsqualität des Kammerchors anzuzweifeln. Jahrzehnte
    habe ich mit großem Interesse und großer Freude den vielen Konzerten zugehört. Freunde,
    als auch ich, kamen von außerhalb, da wir von der Qualität und den vielseitigen
    Programmgestaltunden beeindruckt waren.
    Ich frage mich, wieso ein solcher Chor in der Apostelkirche unerwünscht ist.

  2. ulrike beese sagt:

    Selbst Kirchenvorstandsmitglied bin ich persönlich erschüttert über die Mehrheitsentscheidung „meines“ Kirchenvorstands bezüglich des Chores.
    Ich bin gleichzeitig froh, dass wir eine sehr gute Kirchenmusikerin, Frau Kowalski, für die Arbeit an der Apostelkirche gewinnen konnten und Neues gestaltet werden kann.
    Mir ist es aber weiterhin unverständlich, dass dem Chor untersagt wird, einen Raum der Apostelkirche für Proben mit einer eigenen Chorleitung zu nutzen.
    Der Chor hat über Jahrzehnte eine wunderbare Arbeit geleistet. Ich selbst konnte mich über Jahre in Gottesdiensten an dem Gesang erfreuen. In der Hoffnung, dass der Kirchenvorstand und alle Beteiligten lernen, mit notwendigen und sinnvollen Umbrüchen in Zukunft respektvoll und fair umzugehen grüße ich die Chormitglieder solidarisch und hoffe in dieser Angelegenheit noch auf den im Artikel zitierten „Morgen“.
    Ulrike Beese

  3. Rainer sagt:

    Auf der gleichen Linie liegt: Die bisherige Chorleiterin und Organistin der Apostelkirche, die in der vakanten Zeit ohne Kirchenmusiker gut genug war, den Dienst über 1 1/2 Jahre nach der Verrentung weiter zu machen, darf jetzt z. B. keine Orgelvertretungen bei Gottesdiensten in der Apostelkirche mehr machen. Außerdem darf sie dort tagsüber an der Orgel, die sie über 30 Jahre gespielt hat, nicht mehr üben, sondern nur nachts. Und das auch nur nach wiederholten Bitten!
    p.s. M.W. wurde auch der Flötenkreis der Apostelkirche mit seinen Probenstunden aus der
    Kirche verwiesen.
    Als einfaches Gemeindeglied kann ich sowas nicht verstehen.

  4. Hildegard S. sagt:

    Das ist nichtt mehr meine Kirche! Die Alten sind nur lästiger Balast und werden abgeschoben. Nur um irgendwie modern zu sein und irgendwelche Jungen zu ködern. Da passt ja ganz gut, daß das wichtigste Projekt von Pastor Michael Babiel seine Kirchenbeleuchtung zu sein scheint. Ist ja auch viel wichtiger, daß die Kirche strahlt, als daß ein Kirchenmusikchor mit Gemeinemitgliedern besteht. Einfach nur mehr Schein als Sein!

  5. Heinz Kaufmann sagt:

    Als Mitglied der Gemeinde finde ich es eine Frechheit, wie der Kirchenvorstand mit den langjährigen Gemeinde- und Chormitglieder umgeht! Da kommt irgendeine Musikerin daher, und meint nach 3 Monaten den seit 30 Jahre bestehenden Chor einfach auflösen zu können. Übrigens auch nicht wie hier von Frau Kowalksi falsch dargestellt, sondern mit der unchristlichen Begründung der wäre einfach zu schlecht. Und was macht der Kirchenvorstand? Versteckt sich feige hinter Paragraphen der Kirchenmusik, anstatt den Gemeindechormitglieder die seit Jahrzehnten ehrenamtlich tätig sind, den Rücken zu stärken.
    Schämt euch!
    Ich kann nur alle sozialen Christen unserer Gemeinde aufrufen, lasst euch das nicht gefallen, stellt euch hinter den Chor und boykottiert den Vorstand und ihre Musikerin!

  6. Max sagt:

    Es ist einfach erstaunlich, dass Gemeindemitgliedern verboten wird, in der Kirche Musik zu machen, wenn die „Kantorin“ nicht dabei ist. Was passiert demnächst? Kindergruppen müssen sich anmelden, wenn Lieder gesungen werden wollen. Gottesdienste bleiben still, weil gerade niemand da ist, der die Orgel spielen darf…
    Bestimmt wird man des Platzes verwiesen wenn man im Advent ein Weihnachtslied vor sich hinsummt und das nicht mit der musikalischen Leitung abgeklärt ist.

  7. chormitglied sagt:

    Die eigentliche Frage ist doch: was spricht dagegen, dass es zwei Chöre nebeneinander bestehen? Mit unterschiedlichen musikalischen Ansätzen ergänzen sie sich ja eher, als dass sie in Konkurrenz stehen.

  8. chormitglied sagt:

    Das ist schlichtweg falsch dargestellt. Es haben sich zu dem Konzert nie 10 Sänger angemeldet. Nachdem Frau Kowalski den Chor auflöste, bat sie darum, dass noch der ein oder andere mitsingen möge. Den meisten Chormitgliedern war die Lust darauf deutlich vergangen, drei entschieden sich aber doch mitzusingen. Sich dann im Anschluss zu wundern und zu empören ist schon sehr gewagt.

    Auch das Wort Umstrukturierung ist wohl etwas fehlt am Platz. Sie sprach gegenüber dem Chor ganz eindeutig von Auflösung. Wenn es anders gemeint war, wurde es so nie gesagt.

    Zudem ist keines der Chormitglieder in den Chor der Christuskirche gewechselt. Der Chor besteht immer noch in alter Besetzung.

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