Mietergemeinschaft: Im Haus der freundlichen Fans

{lang: 'de'}

Die Geschwister Iris (St.-Pauli-Fan) und Willi (HSV-Fan) mit ihren Nachbarn bei der Feier des Glühweinfests (Bild: P. Piel)

Die Geschwister Iris (St.-Pauli-Fan) und Willi (HSV-Fan) mit ihren Nachbarn bei der Feier des Glühweinfests (Bild: P. Piel)

Zurückhaltend geht anders. Um die 1,20 Meter mal 60 Zentimeter messen die beiden Flaggen jeweils und sind nicht zu übersehen. Wer am Heußweg 75 und 77 in Eimsbüttel vorbeifährt oder entlanggeht, dessen Blick fällt fast gezwungermaßen in die Vorgärten der beiden Altbauten. Links weht, wenn genügend Wind ist, die St.-Pauli-Flagge, rechts die vom HSV. Zwei eingefleischte Fans, die ihre Rivalität überm Gartenzaun austragen, Nachbarschaftsstreit vom Feinsten also?

Iris-Anke Brammer hatte als junges Mädchen zwei Möglichkeiten: Sie konnte wie ihr Vater und ihre beiden Brüder zu Hause in der wendländischen Stadt Dannenberg unweit der Elbe ein HSV-Fan sein, oder sie konnte aus Trotz und Eigenwilligkeit eigene Wege gehen. Sie entschied sich für den Konfrontationskurs und bekannte sich zum FC St. Pauli, als sie mit 17 Jahren aus der Provinz nach Hamburg kam. „Ich habe damals Leute kennengelernt, die ein anderes Verhalten an den Tag gelegt haben: Sie waren in der Friedensbewegung, in der Gewerkschaft und St. Pauli war eben der andere Verein“, sagt die 57-Jährige beim Plausch auf dem Sofa in ihrer Erdgeschosswohnung. Sie ist die mit der St.-Pauli-Flagge. „Ich war in der Familie schon immer eher schräg und politisch links“, sagt sie und lacht.

Seit 1983 lebt sie hier am Heußweg 75, und seit zehn Jahren bildet die ehemalige Personalchefin bei der Telekom mit ihrem Mann Christian Riemer hier das Hausmeisterehepaar. Und weil Frau Brammer für ihren Hausbesitzer die Vorauswahl unter den Bewerbern trifft, wenn eine Wohnung frei wird, ist sie also mitverantwortlich dafür, dass nebenan ein HSV-Fan in die Erdgeschosswohnung rechts ziehen durfte. Sie, die Pauli-Dauerkartenbesitzerin, hat vor 17 Jahren einen HSV-Fan einziehen lassen. Na gut, dieser Nachbar ist ihr Bruder Willi Blanck mit seiner Frau Kathrin. HSV hin oder her, ihren kleinen Bruder konnte sie ja wohl schlecht ablehnen. Der 48-jährige Qualitätsmanager hat die Raute im Herzen, „seitdem ich laufen kann“, sagt er. „Wir frotzeln uns an, aber im Guten“, meint seine Schwester.

Überhaupt sind die 30 Mietparteien in den Straßennummern 75 und 77 eine Hausgemeinschaft mit vorbildlicher Fan-Vielfalt. Weil Nachbar Michael aus der Nummer 77 ohnehin noch einen Fahnenmast im Vorgarten stehen hatte, durfte Willi Blanck seine HSV-Flagge dort hissen. In der Wohnung über Iris-Anke Brammer und ihrem Mann Christian lebt ein Bayern-Fan, und nebenan hat Steffi mal gewohnt, die war Werder-Fan. Dass sie hier nicht mehr wohnt, habe aber nichts mit ihrem Verein zu tun.

Zu den Europa- und Weltmeisterschaften fahren die Leute aus dem Haus richtig groß auf. Willi Blanck zückt sein Handy und zeigt Fotos von der Fußball-WM 2006. Damals hatten sie aus dem Haus die Flaggen aller teilnehmenden Länder von den Balkonen hinüber zum Straßenbaum und wieder zurück gespannt, und in den Vorgärten gab es Public Viewing für alle. Getränke und Essen inklusive.

Und auch außerhalb des Fußballs feiern sie am Heußweg 75/77 gern. „Wir mögen es gesellig“, sagt Willi Blanck. „Wir sitzen in den Vorgärten, und jeder ist willkommen.“ Herzlich und gemütlich geht es unter den Nacharn zu. Gerade erst haben sie wieder ihr jährliches Glühweinfest vorm Haus gefeiert. Zum achten Mal schon. Mit Partyzelt, Weihnachtsdeko, Musik, Bierbänken und -tischen, offenem Feuer, Linsensuppe und Büffet im Hausflur und 70 Litern Glühwein, verfeinert mit Nelken, Anis, Zitronen und auch mit Schuss. Dörthe aus der 75 hat selbstgebackene Kekse vorbeigebracht, obwohl sie selbst nicht zum Fest kommen konnte. Im Keller haben Iris-Anke Brammer und ihr Mann eine Toilette für alle. „Das WC hält mein Christian immer sauber“, sagt Frau Brammer. Am Nachmittag wurde noch der Fernseher im Vorgarten eingeschaltet, um das HSV-Spiel zu verfolgen, aber ohne Ton. Bis morgens um eins ging die Vorgartenparty.

„Wir sind einfach eine tolle Hausgemeinschaft“, sagt Iris-Anke Brammer. Wer anonym leben wolle, sagt sie, der sei hier falsch. Elke Behrens aus der 77 sagt: „Das Besondere hier ist die nachbarschaftliche Geborgenheit.“ Die Fluktuation im Haus sei sehr gering. Heidemarie, mit 71 Jahren eine der ältesten Mieterinnen, kommt ursprünglich aus Erlangen und Fürth. „Hier halten alle zusammen und jeder hilft jedem. Das habe ich noch nie erlebt.“ Klar, dass sich alle duzen. Zum Beispiel Waltraut. Die ist schon über 80 Jahre alt und lebt bereits seit 50 Jahren hier.

Geneviève Wood

{lang: 'de'}
Be Sociable, Share!
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.