Theater am Isebekkanal: Sturm über dem HoheLuftschiff

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Im vergangenen Jahr probten die Kinder auf der Bühne des Theaterschiffs das Musical "Oliver!"(Bild: dpa/ M. Brandt)

Im vergangenen Jahr probten die Kinder auf der Bühne des Theaterschiffs das Musical "Oliver!"(Bild: dpa/ M. Brandt)

„Seid ihr schon gespannt?“, fragt die Schauspielerin, die sich hinter der Puppenbühne versteckt hat. „Ja!!“, schreien die Kinder. Sie erleben die Geschichte von Mariechen, die nicht so schlau ist und gern einmal der Engel beim Krippenspiel sein möchte. Im Bauch des HoheLuftschiffs des Theaters Zeppelin am Kaiser-Friedrich-Ufer 27 in Eimsbüttel sitzen 110 Kindergartenkinder, um sich das Puppenspiel anzuschauen. Sicherlich, sie könnten auch die Weihnachtsmärchen in den großen Theatern der Stadt besuchen, aber unter Deck herrscht eben eine ganz intime Atmosphäre. Gerade für kleine Kinder ist es hier ideal.

Seit sieben Jahren werden Hamburgs Kinder im Rumpf des ehemaligen Gütertransporters Getreideschute FB 11 in andere Welten entführt, werden ihnen Geschichten erzählt. Doch das HoheLuftschiff ist gefährdet, weil Gelder fehlen. Bislang hat Stephanie Grau ihr Theater immer am Laufen halten können. Die Schauspielerin und Regisseurin hat das Theater Zeppelin 1979 gegründet, später kam eine Theaterschule für Kinder und Jugendliche hinzu, 2004 wurde dann der Traum von der eigenen Bühne mit dem HoheLuftschiff wahr. Vorher hat die ehemalige Sport- und Kunstlehrerin in Paris Tanz studiert und Akrobatik an einer Zirkusschule gelernt.

„Jugendkultur ist das Gegenteil von Kapitalismus“, sagt sie und meint: Reich wird man damit nicht, und zumeist knapst man am Existenzminimum. „Es ist einfach wichtig, dass Kinder- und Jugendkultur unterstützt wird.“ Trotz der finanziellen Hilfen durch die Kulturbehörde und der Sparda-Bank fehlen in diesem Jahr 50.000 Euro. Der Erlös aus den Eintrittsgeldern (5 Euro kostet ein Ticket pro Kind, im Gruppentarif 4 Euro) deckt die Kosten für Strom, für Versicherungen sowie für die Teilzeitkraft und die professionellen Regisseure, die Theaterpädagogen und den Beleuchter nicht. „Wir brauchen dringend finanzielle Unterstützung“, sagt Stephanie Grau. Die Fixkosten steigen weiter an. „Wir wollen dieses Projekt aber unbedingt erhalten“, sagt sie.

Kulturelle Bildung sei für Kinder und Jugendliche so wichtig. Und das Theaterspielen kann aus ganz schüchternen kleinen Sechsjährigen selbstbewusste Mädchen machen. „Kinder, die in der Schule Schwierigkeiten haben und auffällig sind, entwickeln sich in der Theaterschule, kommen aus sich heraus“, sagt Stephanie Grau. Die Theaterschule hilft den Kindern zwischen sechs und 19 Jahren, sich spielerisch in ihrer Persönlichkeit auszuprobieren.

Es gehören sehr viel Idealismus und Ideenreichtum dazu, um bis zu zwölf Produktionen im Jahr auf die Bühne zu bringen und mit 170 Kindern und Jugendlichen Theater zu machen. Zehn ausgebildete Regisseure und Künstler gehören zum Team. Und für einige Ehemalige ist die Theaterschule zum Sprungbrett für eine Schauspielerkarriere geworden: Jona Mues zum Beispiel hat hier als Kind in „Das Dschungelbuch“ Mogli gespielt. Mittlerweile ist der 30-Jährige am Stadttheater in Koblenz.

Die alte Schute, die jetzt ein Theater ist, hat Stephanie Grau mit Freunden wieder auf Vordermann gebracht. Überhaupt ist das Projekt für viele eine Herzensangelegenheit. Die Zimmermannsarbeiten auf Deck und die Aufbauten hat ein Kollektiv von Zimmerleuten gemacht – für wenig Geld. Sowohl Stephanie Graus Nichte als auch Tochter Felicia, 26, haben hier schon Theater gespielt und Plakate gezeichnet. „Das Treppengeländer für die Gangway hat mein Bruder unter der Köhlbrandbrücke liegen sehen“, erzählt Stephanie Grau.

Mit dem befreundeten Kranführer Knut wurde das Geländer auf eine Schute gehoben und an den Isebekkanal transportiert. Zu einem Freundschaftspreis, „sonst wäre das unbezahlbar gewesen.“ Die Tür für die ehemalige Kapitänskajüte, die jetzt als Büro dient, kam über die Aktion „Von Mensch zu Mensch“ des Hamburger Abendblatts. Erst vor wenigen Tagen hat das Bezirksamt die Liegeerlaubnis für das Schiff nahe der Hoheluftbrücke um weitere fünf Jahre verlängert. Immerhin eine Sorge weniger.

Ihr Plan, um mehr Geld in die Kasse zu bekommen: „Ein Café wäre sinnvoll, um das Theater zu finanzieren. Zurzeit schaffen wir es nicht, weitere Einnahmen zu erzielen.“ Doch dafür bräuchte Stephanie Grau ein neues Theaterschiff, das wärme- und schallisoliert ist.

Die Kinder aus der Kita Mennonitenstraße steigen die steile Treppe hinauf, das Figurentheaterstück „Engel namens Mariechen“ ist gerade vorbei. Die Kleinen sind hier Stammgäste. Zweimal im Monat kommen sie mit ihren Erzieherinnen zum HoheLuftschiff. „Wir sind hier nur schwer wegzudenken“, sagt Stephanie Grau.

Geneviève Wood

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